Ok, es ist Wahlkampf. Da kann man schon mal härter ran gehen. Ich persönlich bin nur der Meinung, dass Politikerinnen und Politiker nicht schlecht beraten sind, wenn ihre (Kampf-)Rhetorik mehr oder weniger auf der Realität basiert. Das ist nämlich der Ort, an dem die Menschen leben. Besonders wenig passen Wirklichkeit und das, was sich so alles im Kopf abspielt, bei Christine Marek zusammen. Ihre Popularität schwächelt, das wurde in der schwarzen Wahlkampfzentrale offenbar erkannt (ja, Christine Marek ist die Frau im Kostüm neben Dinko Jukic vorm Schwimmbecken auf diesen Plakaten….). Das gewählte Mittel dagegen ist eine seltsam aufgeregt-hysterische Skandalrhetorik. So wurde die Vorzeige-Liberale Prölls zur Nachdenkerin über Burkaverbot und Militärpolizei auf den Straßen. Erstaunlich ist auch ihre Wien-Kenntnis. Obwohl das Rathaus eigentlich gegenüber der ÖVP-Zentrale liegt, hat man das Gefühl, Christine Marek müsse es erst auf der Landkarte suchen. Sonst ist ihre lupenreine Unwissenheit über Wiener Stadtpolitik kaum erklärbar. Aktuelles Beispiel ist die Kindergartenfrage. Wir erinnern uns: Nachdem Marek lange nach (!) Einführung des Gratiskindergartens in Wien genau das gefordert hatte, war sie wenige Wochen danach der Meinung, der Kindergarten müsse nicht für alle gratis sein. Nach großer Kritik über ihre Sparträume auf dem Rücken von Wiener Familien war sie dann doch wieder eher dafür.
Heute mokiert sie sich in einer Presseaussendung über die “Kindergarten-Misere” und sieht das “blanke Chaos” auf die Familien zukommen, weil “tausende” Kinderbetreuungsplätze fehlten. Ok, es gibt noch immer nicht genug Kindergartenplätze für alle Kinder in Wien, das hat auch niemand behauptet. Es gibt aber in keinem anderen Bundesland auch nur annähernd so viele wie in Wien (der Versorgungsgrad für 3-6-jährige ist 96%). Und allein im letzten Jahr wurden 2.500 neue Kindergartenplätze errichtet. Mit heuer sind es 5.000. Die Skandalisierungs-Wortwahl in “Haltet-den-Dieb”-Manier ist da schon ausgesprochen seltsam. Möchte die gute Einsparerin von den eigenen Versäumnissen ablenken? So gibt es bis heute keine Verlängerung der Bundesförderung für die Neu-Errichtung von Kindergartenplätzen. In dieser Frage hat die Familienstaatssekretärin den Kopf offenbar so tief im Sand, dass ihr nicht einmal der einstimmige Gemeinderatsbeschluss mit der Forderung danach aufgefallen ist. Schade eigentlich, denn damit könnte sie den ihr so wichtigen Kindergartenausbau fördern, nicht behindern…



Jürgen Wutzlhofer
schreibt am 2010-08-20 13:15:46